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Individualität im Sport:
Inklusion vs. Exklusion der Individualität im Sport. In: Sportwissenschaft 37 (2007), 2, 172-185.

 

< Original S. 172 >

Einleitung

Für die postmoderne Wissenschaftstheorie gibt es keine objektive Wahrheit, der sich die Wissenschaft durch kontinuierliche Fortschritte ihres Erkenntnisprogramms allmählich annähert. Wissenschaftliche Paradigmen verkörpern vielmehr relative Wahrheiten, die an spezifische Denkstile, Konventionen und Prozeduren gebunden sind, die dem sozialen Wandel unterliegen. Nicht zufällig hat daher der gegenwärtige Übergang von der modernen Industriegesellschaft zur postmodernen Informationsgesellschaft zu einer generellen Hinterfragung des tradierten sozialphilosophischen Theoriedesigns geführt. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass das in der Moderne herausgebildete Verhältnis von Individuum und Gesellschaft gegenwärtig neu justiert wird.

Mit Bezugnahme auf die soziale Differenzierungstheorie wird diese Problematik aufgegriffen. Hierzu werden unter Rückgriff auf Parsons’ integrative Systemtheorie sowie auf Luhmanns autopoietische Theorievariante die unterschiedlichen Individuationsformen in Moderne und Postmoderne aufgezeigt.[1] Generell scheint sich Parsons’ normatives Individuationstheorem zur Analyse der Vorgänge in Turnen und Sport der traditionellen Moderne besser zu eignen; hingegen gewinnt Luhmanns reflexives Individuationstheorem seit den postmodernen Zeitströmungen der 1970er Jahre wachsende Bedeutung. Andererseits deckt erst der dialektische Bezug beider Paradigmen deren „blinde Flecken“ auf und beugt dadurch lebensfernen Überinterpretationen vor.

Inkludierte Individualität bei Parsons

Unter Rückgriff auf Durkheims These (1988, S. 93 ff.) von der fortschreitenden Arbeitsteilung unterstellt Parsons (1976, S. 192 ff.; 1973, S. 235 ff.) für die moderne In-

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dustriegesellschaft eine wachsende Subsystem-Differenzierung. Wie dieser konstatiert er eine Zunahme der individuellen Entfaltungsmöglichkeiten durch funktionale Differenzierung, wodurch der Einzelne eine wachsende Unabhängigkeit von den traditionellen Bindungen des Standes und der Geburt erfährt. Ähnlich wie Durkheim interessiert PARSONS (1976, S. 172 ff., 213 ff.; 1986, S. 185 ff.) jedoch weniger das persönliche Schicksal des Einzelnen in der Moderne als vielmehr die Frage, wie trotz zunehmender Individualisierung Anomie und Chaos vermieden und hinreichende Integration und Ordnung des Gesamtsystems hergestellt werden können.

Für PARSONS (1976, S. 164 ff.) erfordert dies die wechselseitige Durchdringung von Kultur-, Sozial- und Persönlichkeitssystem auf der Basis eines gemeinsamen Wertekonsenses. Den sozialen Institutionen und formalen Organisationen obliegt es hierbei, mittels wechselseitig typisierter Werte, Normen und Rollen die Sozialisation der Individuen zu betreiben. Eine Sonderstellung weist er hierbei den sozialen Bezugsgruppen von Familie, Schule, Peers und Beruf zu (1968, S. 159 ff.). Diese sind für jenen institutionalisierten Individualismus verantwortlich, der das erforderliche Minimum an Stabilität, Homogenität und Integrität des Sozialsystems erst sicherstellt.

Trotz seines Inklusionsansatzes verkennt PARSONS (1976, S. 243 ff.) keineswegs die Bedeutung von sozialem Wandel und Konflikt. Wichtiger ist ihm jedoch das Aufzeigen jener Mechanismen, die der Strukturerhaltung sozialer wie personaler Systeme dienen (1973, S. 220). Zwar mag die moderne Gesellschaft multifunktionale Subsysteme mit je spezifischen Erwartungen aufweisen; auch mag die Integration der Individuen nie vollkommen sein, schließlich wird jedes soziale Rollenspiel sowohl durch die biologische Ausstattung als auch die Lebensgeschichte seiner Akteure tangiert (1973, S. 228); dennoch ist die lebenstaugliche Ordnung sozialer wie personaler Systeme auf ein übergeordnetes kulturelles Wertesystem angewiesen, für dessen Aufrechterhaltung nicht zuletzt Gesetzes- und Rechtsnormen mit Sanktionsgewalt Sorge tragen (1976, S. 176, 216 ff.).

Auf diese Weise wird die von Durkheim (1988, S. 162 ff.) kreierte und auf arbeitsvertraglichen Sozialbeziehungen gründende „organische Solidarität“ von Parsons durch eine systemübergreifende Wertekultur ersetzt. Parallelen sind dennoch unverkennbar; schließlich bildet auch für ihn nicht der utilitaristisch-hedonistische Individualismus den Fokus des kulturellen Wertesystems (der USA) als vielmehr der asketische Protestantismus (M. Weber) mit seiner Verpflichtung auf gehaltvolle Leistung, moralische Gesinnung sowie eine generell humane Gesellschaft (Parsons, 1968, S. 246 ff.).

Moderne Körperkultur und Parsons’ kollektive Individualität [2]

Ganz im Sinne der sozialen Differenzierungstheorie von Parsons lösten die durch Technik und Wirtschaft vorangetriebene Arbeitsteilung und funktionale Differenzierung der modernen Industriegesellschaft in Spiel, Gymnastik und Leibesübun-

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gen des 19. Jahrhunderts eine subsystemische Separierung und Spezialisierung ihrer Strukturen aus. Getragen durch eine Welle bürgerlicher Vereinsgründungen (Musik-, Gesang-, Sozialvereine) gelang es der Turnbewegung innerhalb weniger Jahrzehnte, eine unangefochtene Monopolstellung zu erlangen. Die Basis für diesen Erfolg bildeten die wachsende Zahl von Turnvereinen sowie deren institutioneller Zusammenschluss zunächst in regionalen Turnverbänden sowie schließlich in der Deutschen Turnerschaft (1868). Bedeutsamer dürfte jedoch die ideelle Nähe der Turnbewegung zum national-patriotischen Zeitgeist der klassischen Moderne gewesen sein. Parsons’ Inklusionsmodell scheint daher am ehesten in der Lage zu sein, das interdependente Ineinander von wertebesetzter Turnkultur, institutionalisiertem Turnverband und rollendeterminiertem Turner hinreichend erklären zu können:

Auf kultureller Ebene wurden Einheit und Zusammenhalt der Turnbewegung durch ein Bündel von Werten hergestellt, das trotz aller temporären Veränderungen einen hohen Allgemeinverbindlichkeitsgrad aufwies. Ähnlich wie die Philanthropen waren auch die Turner den Individualwerten Selbstentfaltung, Ganzheitlichkeit und Harmonie (von Körper, Geist und Seele) sowie jenen der Leistungsfähigkeit, der Gesundheit und nicht zuletzt der Glückseligkeit verpflichtet. Eine zunehmend stärkere Bedeutung wurde allerdings den Kollektivwerten Gemeinschaft, Vaterland, Volk und Nation beigemessen. Letztlich obsiegten turnerische Brüderlichkeit, Einheit und Gleichheit über die subjektive Autonomie, Freiheit und Widersprüchlichkeit des Einzelnen. Auf Dauer blieb daher nicht aus, dass die hohe moralische Tugendhaftigkeit der Turnerschaft weniger dem proklamierten Ideal des „Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei“ entsprach, als dass durch Drill, Zucht und Spiessschem Bewegungsformalismus ein wehrtauglicher und anpassungswilliger Untertan herangezogen wurde.

Auf sozialer Ebene legitimierten die Werte der gemeinsamen Turnkultur die Existenz und Daseinsweise der Turnvereine. Als Wächter und Vollstrecker der generalisierten Wertemaßstäbe hatten sie jenes Minimum an Übereinkunft zu gewährleisten, ohne das auf Dauer keine soziale Einrichtung auskommt. Die Mechanismen, auf die sie dabei zurückgriffen, waren zum einen die Fixierung formaler Turnordnungen und Turngesetze, die durch ihre Sanktionsgewalt für hinreichende Stabilität und Integration des Turnsystems sorgten. Zum anderen herrschte ein informeller Ehrenkodex vor, der trotz seines unverbindlichen Status nicht weniger Macht und subtilen Druck auf die Selbstverpflichtung seiner Probanden zu Tugendhaftigkeit, ehrenamtlichem Engagement und demokratischem Gemeinschaftsleben ausübte. Darüber hinaus sorgte eine expressive Symbolik dafür, dass die subsystemische Sonderwelt der Turner gegenüber der utilitaristisch-kapitalistischen Wirtschaft und dem absolutistischen Staatswesen hinreichend abgegrenzt blieb. Die tiefere Bedeutung der vielen Rituale, Zeremonien und Feste, aber auch

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der unzähligen Fahnen, Embleme und Anstecknadeln liegt hierin begründet, die das Vereinswesen seitdem auszeichnet.

Auf personaler Ebene oblag es dem organisierten Vereinswesen, die Individuen durch Sozialisation turnerischer Werte, Normen und Rollen hinreichend in die Erfordernisse des systemischen Ganzen zu integrieren. Diese soziale Konditionierung konnte nie vollkommen sein, vielmehr waren mehr oder weniger individuelle Abweichungen durchaus die Regel. Gleichwohl sorgte formelle Mitgliedschaft dafür, dass die Freiwilligkeit des Bei- und Austritts durch einen Katalog von Rechten und Pflichten überlagert wurde, der die normative Rollenstruktur des Turnens nachdrücklich unterstrich. Als wichtigste Bezugsperson fungierte zweifellos der Vorturner, dem eine systemtragende Vorbild- und Kontrollfunktion oblag. Aber auch die mittelbare Sozialisation durch Turnräume, Turngeräte und Turnübungen trug dazu bei, dass der Turner eher am Grad seiner sozialen Integration als an seiner individuellen Spontaneität und Einmaligkeit gemessen wurde. Letztlich dominierte die Parsonssche Ordnung der Solidarität über jene der Freiheit, worin die lebenslange Treue zum Verein sowie generell zum Turnen begründet liegt.

Über Jahrzehnte dominierten im Turnen zudem die Männer. Daher erfuhren die Tugenden des Mutes, der Stärke und der Entschlusskraft eine besondere Wertschätzung. Sicherlich finden sich auch bei den Turnern kurzweiliges Spiel, Spaß und gesellige Ausgelassenheit; diese Motive waren jedoch jenen der Pflichterfüllung, der höheren Menschlichkeit sowie der vaterländischen Gesinnung untergeordnet. Auch Leistung und Wetteifer spielten eine Rolle, allerdings ohne den bedingungslosen Erfolgs- und Rekordwillen, den der moderne Sport erst mit sich brachte. Vielmehr sorgte die prinzipiell wertrational besetzte Handlungsstruktur dafür, dass sich zweckrationales Nützlichkeitsdenken und damit das Schielen nach Einfluss, Geld und Macht in engen Grenzen hielten. Letztlich bezahlte der Turner seine Mitgliedschaft im Verein mit der Preisgabe wesentlicher Teile seiner persönlichen Autonomie. Kurzum: Ende des 19. Jahrhunderts disziplinierte die institutionalisierte Turnwelt ihre bürgerlichen Protagonisten weit mehr, als dass sie deren einst hehren Ideale und Leitbilder der Freizügigkeit über Absichtserklärungen hinaus umgesetzt hätte.

Die nicht ausbleibende Kritik der Spiel-, Sport- und Jugendbewegung am übertriebenen Formalismus, Drill und Patriotismus des Schul- und Vereinsturnens führte im Verlaufe des 20. Jahrhunderts zur schrittweisen Ablösung des Turnens Spiessscher Prägung durch die olympisch legitimierte Sportbewegung. Diese sportive Umwälzung des Turnsystems verlief jedoch keineswegs geradlinig und konfliktfrei, sondern beinhaltete die Weimarer Spaltungstendenzen der Sportbewegung ebenso wie das Wiedererstarken turnerischer Gemeinschaftsstrukturen im Zentralismus nationalsozialistischer Leibeserziehung. Unterstützt wurde die Versportlichung der Körper- und Bewegungskultur ferner durch externe Faktoren (Parsons, 1976, S. 243 ff.) der unaufhaltsam fortschreitenden Demokratisierung, Industrialisierung und Differenzierung der Gesellschaftsstruktur in (West-)Deutschland. Trotz aller internen und externen Modifikationen scheint das Sportsystem dennoch auch in der Spätmoderne der 1960er Jahre grundsätzlich keine so tiefgreifenden Veränderungen aufzuweisen, als dass das Inklusionsmodell von Parsons nicht weiterhin herangezogen werden könnte:

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So lassen sich im spätmodernen Sport zwar beträchtliche Werteverschiebungen feststellen, doch ohne dass der grundsätzliche Wertekonsens zerstört worden wäre. Sicherlich erlangte das Leistungs- und Rekordprinzip durch den olympischen Leitspruch des Citius, Altius, Fortius eine prinzipielle Aufwertung. Gleichzeitig hofften Coubertins Statthalter jedoch, durch das Pochen auf Persönlichkeitsbildung (Vorbildfunktion), tugendhafte Gefühle (fairer Sportgeist) sowie Selbstzwecksetzung von Leistung, Wetteifer und Erfolg (Teilnahme ist wichtiger als Sieg) an die antiken und philanthropischen Ideale der Selbstvervollkommnung der Athleten anknüpfen zu können. Zwar hatte die Zweckrationalität der Leistungsgesellschaft mittlerweile auch vom Sport Besitz ergriffen. Durch wertrationale Rückbindungen wurde dennoch die Hoffnung gehegt, deren humaneres Ebenbild zu sein. Abgewertet wurde hingegen der Nationalismus durch die wachsende Internationalität der Institutionen des Sports. Allerdings wirkten auch in der Spätmoderne des Sports die Werte der bürgerlichen Vereinstradition in Westdeutschland fast unverändert fort. Dies erklärt die hohe Bedeutung von familienähnlichen Bindungen, Treue und Verantwortung dem Verein gegenüber sowie das Beharren auf Außenweltausgrenzung unter dem Etikett von Spiel, Geselligkeit und Privatvergnügen.

Begleitet wurde die Versportlichung der Werte durch eine fortschreitende Differenzierung der sozialen Institutionen des Sports. Gefördert wurde dieser Prozess durch eine expandierende Sportartenvielfalt, aber auch durch die einsetzende Breitensportbewegung der 1960er Jahre, wodurch der dominante Männer- und Ligasport zunehmend durch sporttreibende Frauen, Kinder und Ältere sowie durch das Gesundheitsmotiv relativiert wurde. Trotz dieses durch zahlreiche Aktions- und Werbekampagnen gezielt propagierten Größenwachstums litt der institutionalisierte Sport in Westdeutschland keineswegs unter Desintegrationsproblemen. Vielmehr zeichnete er sich durch eine hohe Kohärenz der Teilsysteme unter dem Dach des Deutschen Sportbundes aus. Zwar zeigten sich erste Irritationen der einsetzenden Bürokratisierung und Kommerzialisierung der Sportvereine sowie der nachlassenden Bindungs- und Integrationsbereitschaft ihrer Mitglieder bei gleichzeitiger Steigerung der Heterogenität sportiver Motive. Dennoch konnten all diese Unwägbarkeiten dem proklamierten Einheitswillen der Sportorganisation in seiner Substanz grundsätzlich nichts anhaben. Vergleichbar dem modernen Nationalstaat oblag dem Deutschen Sportbund die Aufgabe, die Vielfalt und Heterogenität der sozialen Gruppierungen im spätmodernen Sport zu einer amorphen Einheit zusammenzufügen.

Ungeachtet vieler Individualisierungsschübe im Verlaufe des 20. Jahrhunderts herrscht daher auch im Sport der Spätmoderne Parsons’ institutionalisierte Individualität vor. Ohne formale Mitgliedschaft blieb der Einzelne vom aktiven Sport weitestgehend ausgeschlossen. Als wichtigste Bezugsperson löste der lizenzierte Übungsleiter den Vorturner ab. Der Qualifikationsgrad der Sportrolle wurde dadurch erhöht, aber auch deren Einbindung in Technik und Taktik eines bis zur Perfektion objektivierten Bewegungsablaufs. Bei der Kritik am modernen Leistungs- und Wettkampfsport seit Ende der 1960er Jahre lassen sich daher durchaus Parallelen zur Turnkritik Ende des 19. Jahrhunderts ziehen. Prinzipiell kann auch der Athlet der Spätmoderne nur durch Einordnung und Anpassung an die Vorgaben des Vereinslebens erfüllte Teilhabe, Geborgenheit und Sicherheit im Sport finden:

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Analog zum normativen Rollenparadigma von Parsons kann er weniger sein individuelles Ich ausleben, als dass er dem sozialen Wir seiner Sportrolle verpflichtet ist. Allerdings verdichteten sich auch die Anzeichen eines epochalen Strukturwandels in Sport und Gesellschaft, was schließlich dazu führte, dass Luhmann (1998, S. 219) und andere Rollen- und Identitätsforscher die lange Zeit stagnierende „Re-Thematisierung des Individuums“ vornahmen.

Exkludierte Individualität bei Luhmann

Wie Durkheim und Parsons leitet auch Luhmann die Individuation der Individuen aus der sozialen Differenzierungstheorie ab. Im Unterschied zu diesen verwirft er jedoch jegliche Einheit der modernen (Welt-)Gesellschaft jenseits der funktionalen Differenzierung. Schließlich ist die Moderne so komplex und unübersichtlich geworden, dass sich ihre Einheit „nur noch in ihrer Komplexität“ erleben lässt (1995 a, S. 138). Grundsätzlich ist weder eine Teilperspektive mehr fähig, das Ganze zu repräsentieren, noch ist die Integration der teilsystemischen Logiken unter Berufung auf einen gesamtgesellschaftlichen Wertekonsens zu bewerkstelligen. Nirgendwo tritt mehr „die“ Gesellschaft „dem“ Individuum als Einheit gegenüber. Daher kann individuelle Identität in der Moderne auch nicht wie in der Ständegesellschaft durch bloße Adaptation der kollektiven Identität erlangt werden. Vielmehr ist der Einzelne gezwungen, sie durch die kontingente Teilhabe an den subsystemischen Wirklichkeitskonstruktionen selektiv und eigenverantwortlich zu erwerben (1998, S. 245).

Die von Luhmann (1998, S. 158) heftig umstrittene Verortung des modernen Individuums in der „Umwelt der Gesellschaft“ liegt in dieser Verwerfung des von Parsons vertretenen Einheitspostulats begründet. Der Einzelne existiert nicht wie in der Vormoderne als vollintegrierte „Inklusionsindividualität“, vielmehr muss er „extrasozietal“ als eigenständige, autopoietische und selbstreferenzielle Persönlichkeit begriffen werden (1998, S. 160 f.), die die Umwelteinflüsse selektiv wahrnimmt und operativ geschlossen verarbeitet. Ähnlich wie das Bewusstseinssubjekt des Deutschen Idealismus hat diese Individualitätsvariante ihren „Standort in sich selbst und außerhalb der Gesellschaft“ (1998, S. 212). Während das transzendentale Vernunftsubjekt von Kant jedoch der zirkulären Geschlossenheit der Reflexion auf sein reines Tiefenselbst verhaftet bleibt, enttautologisiert Luhmann (1998, S. 228 f.; 1995 b, S. 144 f., 153) den Zirkel der Selbstreferenz durch die strukturelle Kopplung von Sinngehalten, die die gesellschaftlichen Funktionssysteme zur Verfügung stellen. Ohne diese multiple, wenngleich stets nur partielle Inklusion der Individuen in diverse soziale Bezugsgruppen bleibt der Anspruch auf individuelle Autonomie und autopoietische Selbstreflexion unweigerlich hohl und leer. Andererseits sind die exkludierten, auf sich selbst zurückgeworfenen Individuen durch die stärkere Selbstjustierung ihrer Sozialkontakte auch rückzugsfähiger und unzuverlässiger geworden, was sich nicht zuletzt an der größeren Fluktuation ihrer Kollektivbindungen ablesen lässt (1998, S. 255 f.).

Insgesamt hofft Luhmann (1998, S. 219), die originäre Stellung des Individuums stärker als klassische Ansätze zu akzentuieren. Gleichzeitig meidet er die von Dahrendorf (1974, S. 58, 80 ff.) in der Tradition von Kant vorgenommene Doppelung

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des Menschen in einen entfremdeten Rollenspieler und das eigentliche (wesensmäßige Tiefen-)Selbst. Schließlich lehrt die Soziologiegeschichte seit Durkheim und Simmel, dass der rollenlose Mensch nicht lebensfähig ist. Andererseits weist die Individualitäts-Konzeption von Luhmann große Ähnlichkeiten mit Becks reflexiven „Kindern der Freiheit“ (1997, S. 9 ff.) sowie der Ich-zentrierten „Lebenskunst“ des späten Foucault (1993, S. 24 ff.) auf. Zweifellos rückt er mit seinen Aussagen in die Nähe postmoderner Positionen; gleichwohl kann er nicht jene Epochenzäsur erkennen, die den Begriff der Postmoderne rechtfertigen würde (Luhmann  1997, S. 1143 ff.).

Aus Luhmanns Sicht erweist sich Heitmeyers Desintegrationstheorem (1997, S. 9 ff.) letztlich als Normalfall der selektiven Teilsysteminklusion. Insofern die Totalintegration der Individuen in das Gesamtgefüge der modernen Gesellschaft obsolet geworden ist und Divergenz und Ambivalenz das Persönlichkeitsbild prägen, lassen sich strukturelle Verunsicherung, Destabilisation und soziale Atomisierung nie ganz ausschließen. Insbesondere unterstellt die Exklusionsindividualität nicht länger eine quasi-mechanische Konformität mit den sozialen Werten, Normen und Rollen, sondern klagt deren selbstreferenziellen Umgang zwingend ein. Die Hoffnungen der Aufklärung scheinen dadurch näher gerückt zu sein: „Individuum-Sein wird zur Pflicht“ (Luhmann, 1998, S. 251). Die Frage bleibt dennoch, inwieweit die heutige Gesellschaft diesem Anspruch wirklich gerecht werden kann. Andererseits bleibt Luhmann die Antwort schuldig, wie künftig angesichts der wachsenden gesellschaftlichen Turbulenzen und angesichts der rigiden Verneinung von sozialer Einheitlichkeit hinreichende Integration und systemische Ordnung hergestellt werden können.

Postmoderne Körperkultur und Luhmanns autopoietische Individualität [3]

Im Handlungsfeld des Sports erlangte Luhmanns reflexives Exklusionsmodell der Individualität im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts wachsende Bedeutung. Parsons’ normativer Erklärungsansatz hingegen geriet durch die informationstechnologische Postmodernisierung der Gesellschaft zunehmend in den Erklärungsnotstand. Allerdings lassen sich die Anfänge der stärker am individuellen Selbst orientierten Bewegungs- und Körperkultur bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Dort trug die unterschiedliche Gewichtung von Ratio (Geist) und Sinne (Körper) im modernen Menschenbild zur Herausbildung zweier konträrer Grundströmungen bei, die bis heute in Widerspruch zueinander stehen. So führte der

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Einfluss des Deutschen Idealismus bei GutsMuths dazu, dass das ganzheitlich-humanistische Bildungsideal der „Erziehung vom Leibe her“ dem Primat des Geistes unterstellt wurde. Damit wurde der Grundstein für die Dominanz des aus der Antike herrührenden Prinzips der Vergeistigung des Leibes gelegt, das insbesondere im olympischen Sport sowie in den sportpolitischen Bildungsprogrammen bis heute zum Tragen kommt. Getreu der christlichen Dogmatik des Abendlandes sollte der Mensch nicht Sklave, sondern Herr seiner Triebe und Neigungen sein. Andererseits wurde damit der Grundstein für jene übersteigerte Rationalisierung des Körpers im (Hochleistungs-)Sport der Moderne gelegt, die ihr antikes Ideal geradezu mit Lügen straft.

Die zweite Grundströmung geht auf den Einfluss von Rousseau und Nietzsche sowie generell auf die Romantik und Ästhetik zurück. Durch Umkehrung der Maßstäbe wird die Abhängigkeit des Geistes vom Körper betont. Dadurch wurden unmittelbar sinnliche Daseinsformen aufgewertet, gleichzeitig aber auch die Gefahren eines enthemmten Narzissmus erhöht. Spuren dieser romantischen Grundhaltung finden sich bereits beim Jahnschen „Turnen auf der Hasenheide“, ehe gegenläufige Zeitströmungen sie verdrängten. Die Jugend- und Wanderbewegung wiederum leitete ihr Selbstverständnis insbesondere aus der Forderung nach mehr Natürlichkeit, Freizügigkeit und emotionalem Erleben ab. Und nicht zuletzt die reformpädagogischen Schulen von Steiner, Montessori, Lietz bis Hahn berücksichtigen in ihrer Bildungs- und Erziehungsarbeit bis heute viel stärker das praktische Tun („Händigkeit“) sowie die Prinzipien des offenen, innovativen und entdeckenden Lernens als die kopflastigen und lehrerzentrierten staatlichen „Paukschulen“.

Mittlerweile haben sich diese historischen Grundströmungen eines selbstbestimmten, freien und autonomen Menschenbildes zu einem stabilen Trend der Postmodernisierung des Sports verdichtet. Eingeleitet wurde diese Entwicklung Ende der 1960er Jahre durch die marxistische Fundamentalkritik am Rekord- und Warenfetischismus des modernen Hochleistungssports. In den 1970er Jahren folgte die New Games-Bewegung mit ihrer Forderung nach mehr Spaß, Sinnlichkeit, Kooperation und Selbsterfahrung im Sportspiel. Danach sorgte die Wertediskussion der 1980er Jahre dafür, dass u. a. Aerobic, das Fitnessstudio sowie generell Lockerheit, Ungezwungenheit, Buntheit, Musik und Farbe im Handlungsfeld des Sports Fuß fassen konnten. Schließlich zeichnete sich in den 1990er Jahren die Stabilisierung des postmodernen Outdoor-, Trend- und Erlebnissports als dritte Säule neben dem expandierenden Fitnesssport und dem leistungsorientierten Wettkampfsport immer deutlicher ab, während letzterer zum rekordorientierten Profi- und Erfolgssport mutierte.

Die Konsequenz dieser Entwicklung aber war ein enormes Größenwachstum des postmodernen Sports, was unmittelbar mit dem Verlust seiner Einheit und Eindeutigkeit einherging:

So wird heute der traditionelle Wertekonsens im Sport be- und verdrängt durch ein amalgames Gemenge unterschiedlichster Werte. Diese Wertediffussion basiert auf der beschleunigten Differenzierung und Subdifferenzierung des Sports in „alten“ und „neuen“ Sport, in unterschiedliche Sportmodelle und Sportanbieter sowie in eine Vielzahl autonomer Sportarten mit je spezifischen Werten und Wertepräferenzen. Hinzu kommt, dass heute der originäre Wertekanon des traditionel-

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len Sports durch externe, nichtsportliche Werte aus Medien, Politik und Wirtschaft massiv beeinträchtigt wird. Viele Kritiker sehen mittlerweile nicht nur die Autonomie des (Hochleistungs-)Sports durch mediale Show, Starkult, politisches Machtkalkül sowie die Rationalität des Marktes gefährdet, sondern befürchten ein generelles Überhandnehmen der Unwerte Doping, Gewalt und Unfairness jeglicher Art. Andererseits trug die ästhetisch fundierte Gegenbewegung des Outdoor-, Trend- und Erlebnissports zu einer Aufwertung von gegenwartsorientiertem Spiel, prozessualer Leistung und tugendhafter Selbstbestimmung bei.

Fraglich ist allerdings, ob diese Wertediffusion im postmodernen Sport noch eine suprasystemische Leitdifferenz wie die der Leistung (Stichweh, 1990, S. 384 ff.), des Sieges (Schimank, 1988, S. 183 ff.) oder des Spiels (Hägele, 1990, S. 31 ff.) zulässt (zumal eine mehrheitlich akzeptierte Kodierung nach wie vor aussteht). Kritiker von Luhmanns und Lyotards Vielheits-Postulat wenden ein, dass trotz aller funktionalen Differenzierung des Sports dennoch massive Überschneidungen, partielle Überlagerungen und strukturelle Verflechtungen zwischen den Teileinheiten existieren, wie dies die Paradigmata von Wittgensteins Familienähnlichkeit oder Welschs transversaler Vernunft nahelegen. Für Kommunitaristen bilden darüber hinaus systemübergreifende Grundwerte wie Fairness, Humanität und Solidarität deren integrative Basis. Durch die Fokusierung der Luhmannschen Theorie auf den selbstreferenziellen Status autopoietisch organisierter Funktionssysteme werden fremdreferenzielle Einflüsse zudem eher als systemverträgliche Absorptionen thematisiert und nicht als auszuregelnde Störgrößen. Ob damit jedoch die massiven Veräußerlichungsprozesse im postmodernen Sport hinreichend erklärt werden können, ist fraglich. Gänzlich an die Grenzen seines Erklärungsansatzes stößt das Autopoiese-Theorem indes mit Baudrillards zentraler Fragestellung der massenmedialen Werteindifferenz und der kulturindustriellen Nivellierung aller Gegensätze.

Trotz wachsender Internationalität der Fachverbände überwog noch im spätmodernen Sport der nationale Charakter seiner sozialen Institutionen. Deren Postmodernisierung wurde nachhaltig erst durch die Globalisierung ihrer Strukturen ausgelöst. Anhand von mittlerweile über 200 Mitgliedsnationen der internationalen Spitzenverbände lässt sich dieses Faktum ebenso belegen wie am „global code“ sportlicher Großveranstaltungen (Olympische Spiele, Fußballweltmeisterschaft oder Tour de France) sowie an der Nomadisierung der Spitzensportler zu (heimatlosen) „global players“. Insbesondere die mediale Entterritorialisierung des postmodernen Sports trug zur Potenzierung seiner Vielfalt, aber auch Widersprüchlichkeit maßgeblich bei. Hingegen befürchten viele Globalisierungsgegner, dass durch den übermächtigen Einfluss der europäisch-amerikanischen Sportkultur eine verdeckte Hegemonisierung und McDonaldisierung des Weltsports auf Kosten seiner örtlichen und regionalen Besonderheiten stattfindet.

Ungeachtet der Auseinandersetzung um die Reichweite der Konvergenzthese wurde die Körper- und Bewegungskultur in Deutschland von einem tiefgreifenden Differenzierungsschub erfasst, der vor allem auf dem (Wieder-)Erstarken der Outdoor-Sportarten basiert. Flüchteten die Turner wegen der Turnsperre anfangs des 19. Jahrhunderts ins Innere der Turnsäle und löste der Leistungsvergleich im sportlichen Wettkampf den Rückzug auf genormte und sportartenspezifische Funktionsräume aus, haben mittlerweile die Inlineskater, Skateboarder und Street-

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baller den öffentlichen Raum der Städte reanimiert. Wie vor 100 Jahren bei der Jugend- und Wanderbewegung treibt es zudem eine wachsende Zahl erlebnishungriger Climber, Biker, Surfer und Walker in die Natur hinaus. Mit dieser Öffnung des Raumes durch postmoderne Trendsportarten ging ferner eine Entformalisierung der Sozialformen einher, die Ad-hoc-Gemeinschaften ebenso einschließt wie informelle Cliquen, denen gesellige Soziabilität wichtiger ist als die verpflichtende Enge des traditionellen Turn- und Sportvereins mit seiner Gesinnungsmoral, hierarchischen Binnenstruktur und rollenlastigen Wir-Sozialität.

Die Brechung des Vereinsmonopols durch nischenbewusste kommerzielle Sportanbieter blieb dadurch nicht aus und führte bereits in den 1980er Jahren zu einem Gründungs-Boom von Fitnessstudios, welche die fortschreitende Kommerzialisierung und Professionalisierung des postmodernen Sports gezielt vorantrieben. Die organisatorische Einheit des Sports unter dem Dach des Deutschen Sportbundes ging dadurch verloren. Weder kann dieser länger das Alleinvertretungsrecht der sozialen Inklusion der Sporttreibenden beanspruchen, noch kann die tradierte Metaerzählung des olympischen Sports länger Ausschließlichkeitsanspruch anmelden.

Aus der Perspektive der Besitzstandswahrung kann die Diagnose des Verlusts dadurch abgemildert werden, dass zwar wie zu Weimarer Zeiten eine Vielfalt an Sportarten und Sportformen vorliegt, doch ohne deren strukturelle Zerrissenheit in bürgerlichen, konfessionellen und Arbeiter-Sport. Zumindest gegenwärtig herrschen eine friedliche Koexistenz und stille Arbeitsteilung zwischen kommunalem, kommerziellem und gemeinnützigem Vereinssport sowie zwischen traditionellem Leistungs- und postmodernem Erlebnissport vor. Obendrein wird die vermeintliche Polarität der subsystemischen Strukturelemente fortwährend durch wechselseitige Interdependenzen relativiert. Es verwundert daher nicht, dass auch der traditionelle Sportverein spätestens in den 1990er Jahren begonnen hat, seine Strukturen der allgemeinen Individualisierung anzupassen (dabei läuft mancher Großverein mittlerweile Gefahr, seinen Charakter als Solidargemeinschaft zu verlieren). Andererseits kommen die kommerziellen Sportanbieter nicht umhin, sich auf jene Sportarten und Sportformen zu spezialisieren, die hinreichende Gewinnmargen versprechen und obendrein vom Vereinssport nicht dominiert werden. Das sportpolitische Ziel „Sport für Alle“ ist dadurch erheblich näher gerückt. Schließlich beschränkt sich das Sportangebot heute nicht mehr nur wie beim Turnverein des 19. Jahrhunderts fast ausschließlich auf Männer, sondern versucht der heterogenen Vielfalt der sozialen Gruppierungen der postmodernen Gesellschaft ebenso gerecht zu werden wie den diffusen Wünschen seiner Nutzer.

Lieferte das soziokulturelle Szenario des spätmodernen Sports noch den Nährboden für Parsons’ kollektive Individualität, scheint im postmodernen Sport der letzten 30 Jahre Luhmanns selbstreferenzielle Exklusionsindividualität − als Variante des interpretativen Rollenparadigmas an Legitimationskraft gewonnen zu haben. Erst durch die nachhaltige Enttraditionalisierung und globale Pluralisierung des postmodernen Sports stabilisierte sich eine Sozialstruktur, die dem Sporttreibenden weniger Autoritätsgläubigkeit und fremdreferenziellen Gehorsam in einem engmaschigen Netz von Rollen- und Verhaltensvorschriften abverlangt als vielmehr individuelle Selbstbestimmung, reflexive Eigeninitiative und interpretatives Rollenverhalten. Die beschleunigte Differenzierung von Sportangebot, institu-

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tionellen Alternativen und sozialen Wertepräferenzen im postmodernen Sport hat nicht nur die Freiheitsgrade der Sporttreibenden erhöht, sondern gleichzeitig auch deren Verpflichtung zur Selbstgestaltung ihrer Sportlerbiografie. Durch das Prekärwerden von Nationalität, Großgruppenmitgliedschaften sowie vordefinierten Lebenslagen der Moderne sind auch im Sport die Freiheitsversprechungen der Aufklärung merklich näher gerückt. Erst Ende des 20. Jahrhunderts hat damit die jahrzehntelange Dekonstruktion des normativen Menschenbildes in Turnen, Leibesübungen und Sport merklich an Durchschlagskraft gewonnen.

Unablässig basiert jedoch auch die selbstreferenzielle Sportlerpersönlichkeit der Postmoderne auf der multiplen Inklusion diverser Sportarten und Sportmodelle, die jener erst ihre spezifische Form verleihen. Stets sind Exklusions- und Inklusionsindividualität auch im Handlungsfeld des Sports nur die zwei Seiten ein und derselben Sache. Zumindest für Differenzierungstheoretiker ist die Individualisierung der Sporttreibenden ohne die Pluralisierung der sozialen Institutionen des Sports höchst unwahrscheinlich. Umgekehrt schließt die größere Autonomie der Sportler nicht ein, dass diese sich ungestraft über die spezifischen Inklusionsbestimmungen der institutionalisierten Korporationen und Organisationen des Sports hinwegsetzen können. Zwar entlasten diese Einrichtungen den Einzelnen von permanentem Gestaltungsdruck, indem sie ihm ein reichhaltiges Sportangebot zur Verfügung stellen, gleichzeitig bestimmen sie jedoch die Verhaltsweisen ihrer Mitglieder mit. Je nach Beschaffenheit, Dauer, Intensität und Gewichtung der Partizipation an unterschiedlichen Sportgruppen hat dies Rückwirkungen auf die je besondere Beschaffenheit einer Sportlerbiografie. Gewöhnlich basiert diese nicht auf formeller Einfachheit und Widerspruchsfreiheit, sondern gemäß der Pluralität und Heterogenität des postmodernen Umfeldes auf Dividualität und Kontingenz ihrer Identitätsstrukturen.

Andererseits kann die postmoderne Pluralität die Entwicklung einer konturenlosen Patchwork-Identität begünstigen, der es an hinreichender Konsistenz und Kohärenz ihrer Strukturen mangelt. Daher ist selektierende, ordnende und ausschließende Identitätsarbeit unerlässliches Erfordernis einer postmodernen Sportlerpersönlichkeit. Andererseits kann der Zwang, die Einmaligkeit und Einzigartigkeit seiner individuellen Sportlerbiografie beständig unter Beweis stellen zu müssen, leicht umkippen in unbotmäßigen Rollenstress, der die Flucht der Individuen in fundamentalistische und esoterische Strömungen oder gar deren generellen sozialen Rückzug begünstigt.

Hinzu kommt, dass trotz des erhöhten Grades an individueller Selbstreferenz auch der postmoderne Sportler nie gefeit ist vor Fremdreferenz und Instrumentalisierung seiner Persönlichkeitsstrukturen. Unaufhörlich lebt auch er in einem bunten Mixed aus Selbst- und Fremdreferenz: Einerseits versucht er sich dem Olymp der individuellen Selbstgestaltung anzunähern, wie dies alle Grundsatzprogramme in Turnen, Spiel und Sport seit den Philanthropen verkünden; andererseits ist er stets auch medialer und konsumgesteuerter Massenmensch, der die Leichtigkeit des Seins eher in zwanglosen Lebensformen sucht. Gewöhnlich tendieren Individualisierungstheorien jedoch dazu, dieses dialektische Sowohl-als-auch der Individuation in ein polares Entweder-oder aufzulösen: So thematisieren die Persönlichkeitstheorien von Beck und Luhmann eher den Kult der selbstreferenziellen Individuation der Individuen, während jene von Adorno, Baudrillard sowie von

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Marx und Nietzsche sich eher den Gefahren der Verdinglichung des Menschen durch inhumane Entwicklungsprozesse in Sport und Gesellschaft zuwenden.

Resümee mit Ausblick

Wissenschaftliche Theorien sind uneingeschränkt soziale Konstruktionen, die Gültigkeit und relative Wahrheit nur beanspruchen können, solange sie die sozialen Tatsachen der Lebenswelt hinlänglich konsistent und widerspruchsfrei erklären können. Für die traditionelle Turn- und Sportbewegung der Moderne bot sich Parsons’ kollektivistisches Individualitätstheorem insofern an, als eine hohe Kohärenz und Interdependenz der systemischen Werte, Normen und Rollen vorlagen, die durch die stringente Sanktionsgewalt der Vereine und Verbände sichergestellt wurden. Dieser hohe Organisations- und institutionelle Verbindlichkeitsgrad trug maßgeblich dazu bei, dass trotz aller Liberalisierungsprozesse im Verlaufe zweier Jahrhunderte das normativ-solidarische Menschenbild noch im spätmodernen Vereinssport vorherrschend war.

Luhmanns reflexives Individualitätstheorem hingegen erlangte erst durch das sprunghafte Größenwachstum des postmodernen Sports im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts wachsende Bedeutung. Den sozialen Hintergrund für diesen Paradigmenwechsel bildete die Enthomogenisierung des traditionellen Sports durch subsystemische Differenzierungsprozesse mit Aufwertung ästhetischer, kooperativer, natürlicher, modisch-trendiger sowie kommerzieller Sinnelemente. Damit einher gingen die Relativierung der organisatorischen Einheit des Sports unter dem Dach des Deutschen Sportbundes sowie die Brechung des Vereinsmonopols durch kommerzielle Sportanbieter. Gemäß der sozialen Differenzierungstheorie löste diese Zunahme an systemischer Komplexität jenen Individualisierungsschub im postmodernen Sport aus, der dem Recht der Sporttreibenden auf Eigeninitiative und Selbstbestimmung nachdrücklicher zum Durchbruch verhalf als jemals zuvor.

Heute kann Parsons’ einst so einflussreiche Systemtheorie der strukturellen Ordnung in den Sozialwissenschaften kaum noch explizite Anhänger vorweisen. Dieser Niedergang ist allerdings nicht nur auf die soziokulturellen Umwälzungsprozesse der postmodernen Informationsgesellschaft zurückzuführen, die Luhmanns autopoietische Dekonstruktion der Systemtheorie boomen ließen. Vielmehr dürften auch nichtrationale, kollektive sowie modisch-populistische Ursachen im Kontext der „scientific community“ der Soziologie eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben (vgl. Kuhn, 1967, S. 128 ff. sowie Feyerabend, 1975, S. 479 ff.).

Doch genauso wie die normative Individualität in Turnen und Sport der traditionellen Moderne durch vielfältige entformalisierte, spontane und subjektivierte Sozialbewegungen und Trends „unterlebt“ wurde, lassen sich umgekehrt im postmodernen Sport zahlreiche fundamentalistisch-konservative Strukturelemente der traditionellen Turn- und Sportbewegung finden. Hinzu kommt, dass trotz aller postulierten Freizügigkeit sich auch das postmoderne Individuum den normativen Zwängen hierarchischer Organisationen und anonymer Bürokratien nie ganz entziehen kann. So sehr daher im postmodernen Sport jenes freiheitsheischende,

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prometheisch-titanische Menschenbild der autopoietisch organisierten Selbstbestimmung zumindest idealiter beschworen wird (das schon seit Urzeiten die Hoffnungen der Weltgeschichte nährt), so sehr verfehlen Postulierungen mit Ausschließlichkeitsanspruch dessen komplexe und widersprüchliche Realität zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Das Pluralitätstheorem der postmodernen Wissenschaftstheorie von Lyotard (1986, S. 175 ff.) fordert daher zu Recht, dass die Eigengesetzlichkeit der Paradigmen stärker zu respektieren und jeglichem Totalisierungsanspruch mit Skepsis zu begegnen ist. Dadurch könnten die Stärken und Schwächen der spezifischen Problemlösungskapazität eines Paradigmas gerechter beurteilt und dessen empirische Tauglichkeit für unterschiedliche kulturelle und historische Ereignisse vorurteilsfreier eingeschätzt werden. Schließlich dient die offene Konkurrenz alternativer Paradigmen der Wahrheitssuche weit mehr, als es der hyperisierte Konsens einer militanten Paradigmengemeinschaft jemals vermag.

So sehr daher Parsons’ kollektivistisches Individualitätstheorem eher für die Vorgänge in Turnen und Sport der traditionellen Moderne Gültigkeit beanspruchen kann, Luhmanns selbstreferenzieller Exklusionsansatz hingegen eher für die postmodernen Zeitströmungen der Gegenwart, so sehr hilft ihr wechselseitiger Bezug, deren je spezifische Überzeichnungen und „blinde Flecken“ besser zu erkennen: Gemeinsame Bezugsgröße beider Individuations-Theoreme sind sicherlich die funktionale Differenzierungsthese sowie die Wir-Ich-Dialektik der Individuation. Parsons neigt jedoch dazu, das Wir im Ich überzubetonen und behandelt Ambivalenzen, Widersprüche und Konflikte weitestgehend als auszuregelnde Störgrößen. Luhmann hingegen tendiert dazu, die Autonomie des Einzelnen über- und seine stets mögliche Fremdbestimmung unterzuthematisieren. Inwieweit das Individualisierungspotenzial der Postmoderne künftig jedoch tatsächlich genutzt wird und nicht durch gegenteilige Instrumentalisierungstendenzen sowie durch politische und wirtschaftliche Krisen in Misskredit gerät, ist gegenwärtig noch völlig offen.

Anmerkungen

[1] Während Parsons zu den soziologischen Klassikern der Moderne der 1950er und 1960er Jahre gezählt werden kann, ist Luhmann für die (post-)moderne Soziologie der 1980er und 1990er Jahre nicht weniger bedeutsam. Trotz grundlegender Unterschiede baut die „funktional-strukturelle Systemtheorie“ von Luhmann dennoch auf der „strukturfunktionalen Systemtheorie“ von Parsons auf. Gemeinsame Basis beider Theorieansätze bildet zweifellos die soziale Differenzierungstheorie von Durkheim und anderen. Galt Parsons’ Erkenntnisinteresse jedoch dem „organischen“ Bestand und der systemischen Einheit von Gesellschaft, zielte Luhmanns Dekonstruktionsarbeit insbesondere auf die Autopoiesis (Selbsterzeugung) und Geschlossenheit sozialer Teilsysteme sowie deren Innen-Außen-Abgrenzung zu Umwelt und nichtintegrierbarer Gesamtgesellschaft.

[2] Bei den folgenden Ausführungen interessiert weniger die detaillierte Darstellung hinlänglich bekannter Fakten aus der Geschichte von Leibesübungen, Turnen und Sport des 19. und 20. Jahrhunderts. Vielmehr wird der Versuch unternommen, durch Aufbau und Diktion der Aussagen die spezifische Relevanz des normativen Theorie-Konstrukts von Parsons für die Problematik der kollektiven Individualität in Turnen und Sport der Moderne aufzuzeigen. Als Literaturquellen wurden vor allem herangezogen: Cachay & Thiel (2000, S. 60-112); Krüger (2005 a, S. 40-149, 164 ff.); Krüger (2005 b, S. 40 ff.); Wurzbacher (2003); Hägele (1997, S. 11 ff.) sowie Digel (1988).

[3] Wie in Kap. 3 interessiert nachfolgend weniger das Faktenwissen als vielmehr die Anwendung von Luhmanns reflexivem Individuations-Konzept auf Entwicklungstrends im postmodernen Sport. Folgende Autoren wurden u. a. herangezogen: Krüger (2005 a, S. 26-39); Rittner (1984, S. 4 ff.); Digel (1986, S. 15 ff.); Bette (1993, S. 34 ff.) sowie Gebauer et al. (2004, S. 25 ff.). Darüber hinaus wurde der Bezug zur postmodernen Philosophie – insbesondere von Lyotard (1986, S. 36 ff., 96-122, 175 ff.), Welsch (1995, S. 303 ff., 829 ff., 909 ff.) und Baudrillard (1982, S. 112 ff., 133 ff.)hergestellt, deren Theorieanspruch in Hägele (2004, S. 165 ff.) näher erläutert wurde.

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